
Zukunft sichern.
Veränderungen wagen.
Seit Mitte des Jahres 2025 kam es auf der Straßenbahnlinie 88 zwischen Friedrichshagen und Alt-Rüdersdorf zu zahlreichen Vorkommnissen. Diese Vorfälle haben deutlich gemacht, dass bestehende Strukturen und Sicherheitskonzepte nicht mehr ausreichen. Wiederholte Störungen gefährden nicht nur Fahrgäste, sondern auch den zuverlässigen Betrieb der Linie. Um weitere Unfälle zu verhindern, sind gezielte technische und infrastrukturelle Anpassungen notwendig. Nur durch konsequente Veränderungen kann die Straßenbahn langfristig sicher und zukunftsfähig gemacht werden.
115 Jahre Geschichte für unsere Region bewahren.
Die Straßenbahn blickt auf eine lange Geschichte im regionalen Nahverkehr zurück. Der ehemals kommunale Betrieb wurde im Jahr 2001 weitestgehend privatisiert. Mehrheitseignerin ist die Niederbarnimer Eisenbahn, während die Gemeinden Schöneiche bei Berlin, Rüdersdorf bei Berlin und Woltersdorf an der Schleuse jeweils mit 13 Prozent am Unternehmen beteiligt sind.
Äußerungen der Geschäftsführung
In mehreren Medienberichten hat sich die Geschäftsführung zu den jüngsten Vorfällen geäußert. Dabei wurden insbesondere Aussagen des Geschäftsführers aufgegriffen und öffentlich zitiert. Diese Stellungnahmen sollen die Hintergründe der Ereignisse einordnen und das Vorgehen des Unternehmens erläutern. Nachfolgend erfolgt eine Analyse der zitierten Aussagen des Geschäftsführers.
„Die Signalanlage war an dem Tag voll funktionsfähig.“ (MOZ, 31.10.2025)
Diese Aussage ist nicht nur voreilig, sondern widersprüchlich. Während laufender Ermittlungen technische Fehler kategorisch auszuschließen, wirkt wie ein reflexhafter Selbstschutz. Besonders problematisch: Im gleichen Atemzug erklärt der Geschäftsführer, dass die Anlage bei bestimmten Fahrweisen Fehlzählungen verursachen kann – damit räumt er faktisch ein, dass das System eben nicht robust ist.
„Was passiert ist, sollte eigentlich nicht passieren oder kann eigentlich nicht passieren.“ (MOZ, 31.10.2025)
Diese Aussage ist inhaltlich leer und gefährlich. Ein Ereignis, das „nicht passieren kann“, ist real passiert – frontal, mit Verletzten. Die Formulierung verkennt die Realität und deutet auf eine Haltung hin, die systemische Risiken verdrängt, statt sie ernsthaft zu analysieren. Genau solche Denkweisen sind in sicherheitskritischen Systemen hochproblematisch.
„Es gibt Schichtlängen von sechs bis zu neun Stunden.“ (MOZ, 31.10.2025)
Die Aussage lenkt bewusst vom Kern ab. Entscheidend sind nicht nur Schichtlängen, sondern frühe Dienstbeginne, Personalengpässe und Mehrfachrollen. Wer das Thema Ermüdung auf eine formale Stundenzahl reduziert, blendet bekannte sicherheitsrelevante Belastungsfaktoren aus – und verharmlost mögliche Mitursachen.
Vergleich mit Berlin: „…weniger Unfälle als bei der BVG.“ (MOZ, 31.10.2025)
Dieser Vergleich ist unsachlich und irreführend. Ein kleiner Regionalbetrieb mit einer einzelnen Linie kann sich nicht glaubwürdig mit einem Großkonzern wie der BVG vergleichen. Die Aussage relativiert lokale Unfallhäufungen und verschiebt den Fokus von konkreten Missständen auf statistische Ablenkung – ein klassisches rhetorisches Ausweichmanöver.
„Natürlich sind wir daran interessiert, alles so sicher wie möglich zu machen.“ (MOZ, 30.11.2025)
Diese Aussage bleibt folgenlos. Direkt im Anschluss wird erklärt, warum zusätzliche Sicherheitstechnik nicht umgesetzt wird. Das Bekenntnis zur Sicherheit wirkt damit wie eine reine Floskel, die durch das tatsächliche Handeln konterkariert wird.
„Eine Blocküberwachung wie bei der Bahn ist technisch möglich, aber wer soll das bezahlen?“(MOZ, 30.11.2025)
Hier wird Sicherheit offen gegen Kosten ausgespielt. Die Aussage impliziert, dass schwere Unfälle akzeptabel sind, solange der Gesetzgeber keine Pflicht vorschreibt oder die öffentliche Hand nicht zahlt. Verantwortung wird damit bewusst nach oben delegiert, statt unternehmerisch voranzugehen.
Wenn es keine Pflicht zum Einbau solcher Systeme bei Trams gebe, ließen sich diese Ausgaben kaum rechtfertigen. (MOZ, 30.11.2025)
Das ist ein Offenbarungseid. Sicherheit wird nicht als moralische oder betriebliche Verantwortung verstanden, sondern ausschließlich als regulatorische Mindestanforderung. Innovation und Prävention finden nur statt, wenn sie erzwungen werden – ein hochproblematisches Verständnis von Sicherheitskultur.
„Wir halten uns an die Gesetzmäßigkeiten und daran, was die Landkreise bereit sind, zu finanzieren.“ (MOZ, 30.11.2025)
Diese Aussage markiert die endgültige Abgabe der Verantwortung. Der Geschäftsführer erklärt faktisch, dass das Sicherheitsniveau nicht am technisch Machbaren oder am Risiko orientiert ist, sondern am politischen Willen und an Haushaltsentscheidungen. Für ein sicherheitskritisches Verkehrssystem ist das ein alarmierendes Signal.
„An Gerüchten über eine Überlastung der Fahrerin sei nichts dran.“ (MOZ, 19.11.2025)
Diese pauschale Zurückweisung steht im direkten Widerspruch zu den Aussagen mehrerer Insider sowie zur Tatsache, dass Strafanzeige wegen möglicher Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz gestellt wurde. Die Aussage wirkt wie eine reflexhafte Abwehr, nicht wie das Ergebnis einer ernsthaften internen Aufarbeitung.
„Die Signaltechnik … habe keine Auffälligkeiten gezeigt; sie sei an dem Tag voll funktionsfähig gewesen.“ (MOZ, 19.11.2025)
Auch hier wird ein abschließendes Urteil gefällt, obwohl parallel von wiederkehrenden Störungen im Sommer und weiteren gefährlichen Begegnungen berichtet wird. Die Aussage ignoriert systematische Hinweise und reduziert das Problem auf einen Einzelfall – trotz gegenteiliger interner Berichte.
Es gab im Sommer … eine Begegnungsfahrt, allerdings nicht bei gestörter Signalanlage, sondern nachweislich bei Fehlverhalten einer ehemaligen Mitarbeiterin.“(MOZ, 19.11.2025)
Diese Aussage verlagert Verantwortung gezielt auf Einzelpersonen. Anstatt strukturelle Ursachen zu prüfen, wird ein Muster etabliert: Technik funktioniert, Organisation stimmt, Schuld trägt das Personal. Das ist besonders problematisch, wenn mehrere ähnliche Vorfälle bekannt sind.
„Warum dann diese Anschuldigungen? … Herr Stahl spricht von ‚Herumtrollen‘.“(MOZ, 19.11.2025)
Die Diskreditierung von Hinweisgebern als „Trolle“ ist ein schwerer kommunikativer Fehler. Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit berechtigter interner Kritik und sendet ein abschreckendes Signal an Mitarbeitende, sicherheitsrelevante Missstände offen anzusprechen.
